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Kritiken von 2009
Natürlich Kunst vom 11.05.2009
Natürlich Kunst
"Den anmutsvollen Blick erhöht der Blumen Schmuck":
Haydns "Schöpfung" in den Herrenhäuser Gärten
deren kunstvoll komponiertes Abbild.
Allerlei Vogelstimmen aus dem aufmerksam schattierenden Orchester korrespondierten mit leibhaftigen Amselstimmen. Zwischen der orchestralen Vorstellung des Chaos und dem jubelnden Schlusschor spannten die vereinten Chöre zusammen mit den Solisten Stephanie Forsblad, Jörn Lindemann und Michael Husmann ein mit großem Beifall aufgenommenes Klangpanorama. Mirkofone verstärkten die Präsenz der Stimmen und Instrumente, und Lothar Mohn als Dirigent hielt die Fäden sicher in der Hand. Die hinten positionierten Chöre hatten es wegen der Entfernung schwerer und klebten vielfach an den Noten. Ein mindestens in den letzen zwanzig Takten auswendig gesungenes Finale hätte das Experiment noch eindrucksvoller zum Event gewandelt.
Das frische Grün war zwar da, aber sonst hat sich Joseph Haydn die Natur wohl etwas anders vorgestellt. Nicht vom Menschen gezähmt wie im Barockgarten von Herrhausen, sondern dem klassischen Ideal (und dem Wortlaut) entsprechend natürlich und ungezwungen. "Eine neue Welt entspringt auf Gottes Wort", heißt es in seinem Oratorium "Die Schöpfung". Die Heckenschere spielt in dieser Geschichte noch keine Rolle. Wenn die beiden Kantoreien von St. Martin und St. Johannis Haydns Stück nun aus dem gewohnten Kirchenraum in das Gartentheater verlagerten, machte also weniger die Nähe von Afführungsort und Stückinhalt den Reiz der Aufführung aus, als vielmehr der Kontrast. Das Projekt "Gartenregion Hannover 2009" hatte dazu animiert, und so begegneten sich in den Gärten die stilisierte Natur und
Ludolf Baucke
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Predigten zur Musik, EZ - Evangelische Zeitung vom 14.12.2008
Predigten zur Musik
Der Erfolg von "Bach um Fünf" wird mit "Chor um Fünf" fortgesetzt
kirchenpastorin Martina Trauschke die positive Wirkung der Kantaten- gottesdienste. Aus diesem Grund hatte sie für 2009 die Fortsetzung dieser Gottes-dienste angeregt. Nicht nur viele Besucher, sondern auch Kollekten zwischen 1000 und 1300 Euro seien zusammengekommen, berichtete sie.
Den Erfolg der Gottes-dienstreihe führte Kirchenmusikdirektor Mohn auf mehrere Faktoren zurück: Bachkantaten seien für alle Bevölkerungsschichten zugkräftig, nicht nur für Bildungsbürger. Sie eingebunden in einen festlichen Gottesdienst zu willkommener Uhrzeit zu hören, trage zum Erfolg bei.
2009 wird wie bisher jeden ersten Sonntag im Monat um 17 Uhr Zeit für den musikalischen Gottesdienst sein, der erste findet am 4. Januar statt. Allerdings werden nur sechsmal Bachkantaten zu hören sein, sonst a capella geistliche Werke anderer Komponisten. Kantor Mohn erklärte, um Orchester und Solisten zwölfmal zu engagieren, reiche das Geld nicht aus. Die Johanniskantorei wird sich die musikalische Gestaltung von neun Gottesdiensten 2009 mit dem Kammerchor Hannover teilen, dreimal treten Gastchöre aus Hannover und Braunschweig auf.
Ulrike Neufeldt
Hannover.
Bach ist ein Publikumsmagnet, auch in Hannover. Darum soll
die Reihe mit Gottesdiensten zu Bach-Kantaten in der Neustädter Hof-
und Stadtkirche St. Johannis im kommenden Jahr fortgesetzt werden.
Kirchenmusikdirektor Lothar Mohn hat die Idee als Leiter der Johanniskantorei zum 50-jährigen Chorjubiläum mit seinen Sängern umgesetzt. Am ersten Sonntag im Monat wurde um 17 Uhr zu "Bach um Fünf" eingeladen. Beim letzten Kantatengottesdienst dankte Mohn jetzt besonders den Sponsoren und den 100 ehrenamtlichen Kantoreisängern sowie den Solisten, Organisten und dem Kammerorchester St. Johannis.
Wechselnde Prediger bezogen sich auf die aufgeführte Kantate, die wie zu Bachs Zeiten für den jeweiligen Sonntag vorgesehen war. Die Adventspredigt hielt jetzt Landessuperintendentin Ingrid Spieckermann zum Kantatentext "Wachet! betet! betet! wachet!" [BWV 70a]. Sie rief dazu auf, das Kommen des Gottessohnes nicht zu verpassen. Stattdessen könne die menschliche Seele bei Gott Frieden finden, wenn sie sich von ihm führen lasse.
Die Musik Bachs helfe mit ihrer "lebensordnenden Kraft", die beim Hören mitreiße und Negativität über- winden könne, unterstrich Johannis-
Stimmgewalt bei munterem Gedränge
Als „wohlwollend“ beschreibt sie die Haltung des
Publikums – es applaudiere an passenden und manchmal auch unpassenden Stellen nach
Kräften, denn „es singen nicht alle gut“. In der Pause nimmt Wassmann an einem Stand
der Werkstatt Süd vom Stadtkirchen- verband einen kleinen Happen zu sich und erzählt:
"Auf der Empore stehen viele Besucher, obwohl sie sitzen könnten.
Die wollen halt etwas sehen."
Die Freude an der Musik und der Poesie ist den ganzen Abend spürbar, zum Beispiel,
wenn die Cappella Vocale in schönstem Shakespeare-Englisch von Liebe und Schönheit singt.
Teilweise sind die Chöre noch unbekannt, wie die erst seit eineinhalb Jahren
bestehende Seniorenkantorei der Seniorenakademie, teils sehr angesehen wie der
Hochschulchor der Leibniz-Universität oder die „Vivid Voices“. Spätestens bei deren
Interpretation von Leonhard Cohens innigem "Halleluja" geht jedem Zuhörer das Herz auf.
Der Gedanke hinter dieser Mitt- sommernacht sei, Austausch und gemeinsame Aktionen
der Chöre zu fördern, erklärt die Moderatorin des Abends, Gesa Rottler von der Initiative
hannoverscher Chorleiterinnen und Chorleiter. Und in diesem Sinne singen zum Ausklang
alle Chöre gemeinsam das romantische Stück "Waldesnacht" von Johannes Brahms.
Immer wieder öffnen sich die Türen der Neustädter Hof- und Stadtkirche.
Nicht alle Freunde der Vokalmusik kommen an diesem Freitagabend pünktlich zur 7.
Mittsommernacht der Chöre, nicht alle bleiben die ganze Zeit. Das kühle und lichte
Gotteshaus in der Calenberger Neustadt ist bis auf den letzten der 700 Plätze besetzt.
Viele Besucher müssen stehen. Andächtige Stille will sich nicht einstellen, auch der
Auftritt und Abgang der Chöre sorgt im Viertelstundentakt für munteres Gedränge.
Hin und wieder ist ein ärgerliches "Pssst!" zu hören.
Als erster Chor stellt Canta Nova unter anderem mit „For the longest time“
von Billy Joel und "A spoonfull of sugar" aus Mary Poppins klar, dass Chormusik viel
Schwung haben kann. Von den "vielen jungen Stimmen" und der "Vielfalt des Programms",
das sowohl Choräle als auch Jazz und Pop umfasst, ist nicht nur Besucherin Maria Schmidt
aus Bothfeld begeistert. Oft stimmen die 16 Chöre zunächst ernstere Stücke an und schließen
mit ein paar heiteren. So beendet CantAria, ein Ensemble aus 15 Sängerinnen, seinen
Auftritt mit dem hexenhaften "Spruch, um ihn wieder loszuwerden" von Wolfram Buchenberg.
Das Stück endet mit einem gehässigen "alter Sack" und löst damit großes Gelächter aus.
Zuschauerin Gudrun Wassmann aus Langenhagen, die selbst in zwei Chören singt,
schwärmt: "Ich liebe das hier."
Birgit Wessel
Oratorium zum Mitsingen
Auf ein musikalisches Abenteuer können sich Freunde des Chorgesangs in der
Neustädter Hof- und Stadtkirche St. Johannis in der Roten Reihe einlassen.
Dort erwartet sie am Sonntag, 10. Dezember, um 18 Uhr ein „Singalong“ mit
Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium, Teil I bis III. Das berühmte Werk wird
in Hannover erstmals auf diese Weise erklingen: Auch professionelle Musiker und
Solisten unter der Leitung von Kirchenmusikdirektor Lothar Mohn wirken daran mit.
Der große Chor indes besteht aus allen, die mitsingen wollen.
Weil solche Veranstaltungen hierzulande noch wenig bekannt sind, hat der Veranstalter
eine Reihe von „Geboten“ verfasst. Bereits um 16.30 Uhr finden sich die Sänger in der
Kirche zur Verständigungsprobe ein und bringen eine Eintrittskarte zu zehn Euro
sowie einen Klavierauszug des Oratoriums mit. In der Kirche sitzen sie verteilt
nach den Stimmgruppen Sopran oder Tenor, Alt oder Bass. Während der Aufführung erhebt
sich die jeweilige Chorgruppe und singt ihren Part im Stehen. Das „Singalong“ ist
kein Konzert – das weiß auch der Dirigent. Die Aufführung wird nur unterbrochen, wenn
etwas total schief geht. Notfalls gibt der Dirigent neue Anweisungen, damit alle das
Weihnachtsoratorium gut zu Ende singen.
Eintrittskarten für Mitsingende gibt es ausschließlich im Vorverkauf in der Buchhandlung
an der Marktkirche, die Zahl der Plätze ist begrenzt. Wer nur zuhören möchte, kann für
15 Euro eine Karte für die Empore erwerben. Einlass in die Neustädter Hof- und Stadtkirche
ist um 17.15 Uhr.
Musikalischer Mauerbau
Die Kantorei St. Johannis in der Hof- und Stadtkirche Hannover
Die 80 enthusiastischen Choristen bauen mächtige Klangmauern, lassen aber auch die
ätherischen Momente ausreichend zu ihrem Recht kommen. Das gilt ebenso für Mozarts „Requiem“,
das unter Lothar Mohns versiertem Dirigat straff und kompakt vorüberzieht. Das Orchester
St. Johannis leistet solide Begleitarbeit, Anne Gann, Claudia Erdmann, Sven Erdmann und
Michael Jäckel überzeugen als gut harmonierendes Solistenquartett. Nur das nicht ganz
ausgewogene Kräfteverhältnis zwischen reifen Herren- und deutlich elastischeren Damenstimmen
führt zu kleinen Abstrichen – ein weitverbreitetes Chorproblem, das sich leicht beheben ließe,
wenn mehr junge Männer Geschmack am Singen fänden.
Achtung, dieser Chor ist offen für Seitensprünge: Die Kantorei St. Johannis hält
nicht nur dem kirchenmusikalischen Kernrepertoire die Treue, sondern gönnt sich gelegentliche
Ausflüge zu Rarem und Extravagantem. Nach einer denk- würdigen Aufführung mit der „Lukas-Passion“
(halb Orff, halb Bach) überraschte das Vokalensemble der Neustädter Hof- und Stadtkirche erneut
mit einem unkonventionellen Programm: Mozarts „Requiem“ (in der Beyer-Fassung), kombiniert
mit der hannoverschen Erstaufführung von Charles Ives’ Kantate „The Celestial Country“.
Das Vierzigminutenwerk hüllt sich in ein mal sentimentales, mal pathetisches Klanggewand
und gipfelt in einem hymnischen Jubelchor, über den sich strahlend der Solo-Sopran erhebt.
Daniel Behrendt
Spannendes Rätsel
Die Lukas-Passion in der Neustädter Hof- und Stadtkirche
und ein rein männliches Solisten-quartett die Rarität trotz ihrer minderen Provenienz
auf den Karfreitagsspielplan setzten. Schön auch, dass sich Mohn für die reizvolle, 1996
uraufgeführte Version des tschechischen Komponisten Jan Jirásek entschied, die auf eine
(nur fragmentarisch erhaltene) Bearbeitung Carl Orffs zurückgeht. Wie Orff streicht Jirásek
die schmückenden Arien und konzentriert sich ganz auf die Leidensgeschichte Christi – übrig
bleibt ein Wechselspiel aus Rezitativen und Chorälen, das dank der effektvollen
Instrumentierung nie monoton wird. Unter Aufbietung des kompletten Orff’schen Schlagwerks
(Schellen, Ratschen, Röhrenglocken etc.) vermittelt der Orchesterpart faszinierende Höreindrücke.
Sicher: Bach pur klingt anders – aber aufregend ist’s trotzdem.
Bach oder nicht Bach? Zweifellos ziert Johann Sebastians Handschrift die
Partiturseiten der Lukas-Passion. Und das bedeutungsvolle „J. J.“ (Jesu Juva = Jesus, hilf)?
Das setzte der alte Bach eigentlich nur über seine eigenen Werke. Dennoch: Die Lukas-Passion,
die Wolfgang Schmieder 1950 als Nummer 246 in sein Bach-Werkeverzeichnis aufnahm, weist
stilistische Ungereimtheiten auf, die dem Meister kaum unterlaufen wären. So wirken einige
Choräle ungewohnt archaisch, während der Eingangschor und das Gros der Arien bereits den
„galanten Stil“ vorweg nehmen. Inzwischen gilt als gesichert: Die Lukas-Passion ist die
Abschrift eines kleinmeisterlichen Werkes aus der Zeit um 1735. Anerkennenswert also,
dass Lothar Mohn, seine engagierte Kantorei St. Johannis (nebst hervorragend präpariertem Orchester)
Daniel Behrendt
Festes Freuden
Bachs Weihnachtsoratorium in der Neustädter Kirche in Hannover
Eingangschören zugute. Schwachpunkt waren die gebuchten Solisten. Jörg Nitschke als
Evangelist lieferte einen mitunter wackelig intonierten Bericht ab. Reinhart Gröschels
kehliger Bariton verlor sich zwischen den ersten Stuhlreihen. Sosehr er sich gestalterisch
bemühte: sein "Großer Herr und starker König" wirkte ziemlich mickrig. Sandra Firrincieli
und Stephanie Forsblad erledigten ihre Aufgabe solide und diskret.
Versöhnlich stimmten die beiden Scarlatti-Kantaten: Zu Streichquartett und Continuo-Orgel
schwebte Ute Schulzes zarter, gelegentlich etwas unsauberer Sopran durchs
Kirchenschiff – himmlisch!
Alle Jahre wieder J. S. Bachs Weihnachtsoratorium.
Für manche ist die Adventszeit ohne Bachs prächtiges Kantatensextett genauso
trostlos wie für andere ohne Blinklicht und Pfefferkuchen. Kurz vorm Fest konkurrieren
verschiedene Produktionen um die Gunst der Freunde des Jauchzens und Frohlockens.
Eine gute Wahl traf, wer in die Neustädter Kirche ging: Weihnachtsoratorium,
Teile eins bis drei, kombiniert mit zwei pastoralen Kantaten Scarlattis. Vor allem
die differenzierte Leistung der Kantorei St. Johannis unter der kompetenten Leitung
von Lothar Mohn ließ Festtagsfreuden aufkommen. Der immense Damenüberschuss machte sich gut:
Eine ungewöhnliche Helle und Klarheit kam vor allen den verflochtenen
Daniel Behrendt
„Judas' Zunge“
Die St.-Johannis-Kantorei in der Neustädter Kirche in Hannover
tanten Abschnitten, naturhaft reine Dreiklangsbrechungen mit halsbrecherischer Vokalartistik.
Er nimmt sich Zeit für ausgedehnte Monologe – von Claudia Erdmann, Ina Jannsen und den
Solisten des Orchesters St. Johannis wunderbar ausgeführt – oder türmt dichte Klänge
zum Sphärenkonzert. Der Chor zischelt vielstimmig mit der gespaltenen Zunge des Judas
oder spielt in einem Halleluja-Chor beziehungsreich mit den Formen der alten Meister.
Ein ätherisches Werk mit feingliedriger und lichter Musik, die sich höchstens etwas
zu schnell wieder verflüchtigt.
„Schlussstück“ und „Stillness“, die Werke des litauischen Komponisten Urbaitis,
tragen die Klangfarben dagegen üppiger auf. Sein Rilke-Lied und sein Orchesterwerk
scheuen sich nicht vor schwelgerischen, nahezu spätromantischen Klängen, die reizvoll
mit einer modernen, in sich ruhenden Struktur kontrastiert werden. Der auch von
den Ausführenden sehr herzlich gespendete Beifall für die Komponisten bewies am
Ende noch zusätzlich zur Musik selbst, dass auch das Neue große Freude bereiten kann.
Kein Bach, kein Mozart, kein Mendelssohn. Stattdessen dreimal ganz zeitgenössische Musik
– eine Uraufführung und zwei deutsche Erstaufführungen. Lothar Mohn und seine
Kantorei St. Johannis haben Mut bewiesen mit ihrem Konzert in der Neustädter Hof-
und Stadtkirche in Hannover. Doch was zu befürchten war, trat ein: Trotz vieler
Mitwirkender war die Zahl der Zuhörer recht überschaubar. Neue Musik macht eben Angst.
Leider. Und zu unrecht, wie die Stücke von Alfred Stenger und Mindaugas Urbaitis bewiesen.
Statt peinigender Geräusche und angestrengten Kunstbemühens hörte man eine Mischung
aus beruhigend bekannten und sympathisch überraschenden Klängen.
„Passion und Ostern“, Stengers „Geistliche Musik für Soli, Chor und Orchester“,
die in Hannover ihre Uraufführung erlebte, erlaubt sich eine musikgeschichtliche Kühnheit:
zu verbinden, was traditionell streng getrennt ist. Zunächst in der Thematik, das Leiden
Christi und seine Auferstehung in einem Werk zusammenzufassen. Aber auch in der Musik:
Stenger mischt musikalisch illustrierte Rezitation mit rein konzer-
Stefan Arndt